Fokus Migrationssprachen: Impulse für eine mehrsprachige Bildung – und offene Fragen [Bericht]

©PH Bern

Von Martina Zimmermann (HEP Vaud)

Die Impulstagung «Fokus Migration – Le rôle des hautes écoles svizzere» vom 10. Januar 2026 in Bern zog zahlreiche Teilnehmende an. Martina Zimmermann (HEP Vaud) war dabei und berichtet von anregenden Diskussionen über die Rolle von Forschung, Politik und Verwaltung. Dabei beleuchtet sie vielversprechende Ansätze für eine mehrsprachige Bildung – und stellt zugleich neue, weiterführende Fragen.
– mit einem Exkurs von Irène Zingg


Am 10. Januar 2026 fand an der Pädagogischen Hochschule Bern die Impulstagung «Fokus Migrationssprachen – Le rôle des hautes écoles pédagogiques svizzere» statt. Die Veranstaltung widmete sich der Frage, welche Rolle Pädagogische Hochschulen (PH) in der Förderung von Migrationssprachen im Schweizer Bildungssystem spielen können und sollten. Neben der Präsentation aktueller Forschungsarbeiten standen insbesondere der Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Bildungspolitik sowie Perspektiven für eine nachhaltige Verankerung von Herkunftssprachen im Bildungssystem im Mittelpunkt.

Dabei wurde deutlich, dass migrationsgesellschaftliche Mehrsprachigkeit längst zur schulischen Realität gehört. Aktuelle Zahlen zeigen, dass fast die Hälfte der Kinder unter 15 Jahren zuhause nicht ausschliesslich eine der vier Landessprachen spricht. Herkunfts- bzw. Migrationssprachen sind damit zentraler Bestandteil der sprachlichen Landschaft von Schulen. Die entscheidende Frage lautet folglich weniger, ob diese Sprachen berücksichtigt werden sollten, sondern vielmehr, wie dies geschehen kann.

[F]ast die Hälfte der Kinder unter 15 Jahren zuhause nicht ausschliesslich eine der vier Landessprachen spricht.

Mehr als Anerkennung: Mehrsprachigkeit als Ressource?

Ein zentraler Impuls ging vom Hauptreferat von Edina Krompák (PH Luzern) aus, das den Titel trug: «Heritage language education: Warum Anerkennung nicht genügt?». Ausgehend von Ansätzen wie Translanguaging oder Post-Multilingualism wurde argumentiert, dass ein rein symbolisches Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit nicht ausreiche. Entscheidend sei vielmehr, in welchem Ausmass vorhandene sprachliche Ressourcen tatsächlich in die pädagogische Praxis, die Lehrer:innenbildung und in institutionelle Strukturen einbezogen werden.

Diese Perspektive knüpft an internationale Debatten an, die zunehmend den Handlungsspielraum – oder die Agency – von mehrsprachigen Lernenden und Lehrpersonen betonen. An die Stelle eines dauerhaften Legitimationsdiskurses über Herkunftssprachen tritt damit stärker die Frage, wie sprachliche Ressourcen im schulischen Alltag produktiv genutzt werden können (De Korne et al. 2025). In diesem Zusammenhang wurde auch auf Forschungsprojekte verwiesen, die die Perspektiven von Sprecher:innen von Herkunftssprachen stärker in den Mittelpunkt rücken sollen.

Fokus Migration, PH Bern, 10.01.2026

Projekte, Initiativen – und strukturelle Lücken

Weitere Plenarbeiträge der Tagung boten Einblicke in laufende Forschungsarbeiten und Förderprogramme. Irene Zingg (PH Bern) und Daniela Kappler (SUPSI) präsentierten die Ergebnisse einer Online-Befragung von Pädagogischen Hochschulen zur Rolle von Migrationssprachen in Ausbildung und Weiterbildung. Die Resultate zeichnen ein ambivalentes Bild: Einerseits existiert eine Vielzahl von Initiativen, Projekten und Publikationen im Bereich migrationsgesellschaftlicher Mehrsprachigkeit. Andererseits bleibt ihre institutionelle Verankerung häufig fragmentiert.

So wird etwa das sprachliche Repertoire von Studierenden an Pädagogischen Hochschulen kaum systematisch erfasst. Gleichzeitig existieren Weiterbildungsangebote für Lehrpersonen häufig getrennt nach Regelschule und Herkunftssprachenunterricht (HSK), was die Zusammenarbeit erschwert. Auch die Einbindung von HSK-Lehrpersonen in institutionelle Strukturen bleibt vielerorts begrenzt.

Können Sprachschulen als «breathing spaces» verstanden werden – als Räume, in denen mehrsprachige Lernende ihre sprachlichen Ressourcen frei nutzen und weiterentwickeln können?

Ähnliche Spannungsfelder zeigte auch die Analyse der vom Bundesamt für Kultur geförderten Projekte im Zeitraum 2011–2024, die Maria de Lurdes Gonçalves (Ensino Português na Suíça) und Carla Silva-Hardmeyer (Université de Genève) vorstellten. Insgesamt wurden 74 Projekte ausgewertet, die sich drei zentralen Bereichen zuordnen lassen: der Entwicklung von Lehrmitteln (26 Projekte), der konzeptionellen Weiterentwicklung des Herkunftssprachenunterrichts (42 Projekte) sowie der Weiterbildung von Lehrpersonen (33 Projekte). Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich diese Kategorien teilweise überschneiden und viele Projekte mehrere dieser Bereiche zugleich adressieren. Mehr als die Hälfte der Projektgesuche stammt von grösseren Pädagogischen Hochschulen. Inwiefern tragen bestehende Förderstrukturen somit zu einer breiten institutionellen Verankerung bei? Auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit der Projekte wurde folgende zentrale Frage gestellt: Wie können erfolgreiche Initiativen langfristig verstetigt werden, wenn Anschlussfinanzierungen bislang eher die Ausnahme bleiben und viele Projekte auf einzelne Förderperioden begrenzt sind?

Herkunftssprachen als Räume des Lernens und der Zugehörigkeit

Die Diskussionen der Tagung, im Plenum, in Ateliers mit thematisch verschiedenen Foki wie auch beim Stehlunch machten zudem deutlich, dass Herkunftssprachenunterricht mehr sein kann als ein zusätzliches Sprachangebot. Welche Funktionen können solche Lernräume erfüllen, die etwa für Identitätsentwicklung und soziale Teilhabe zentral sind? Können Sprachschulen als «breathing spaces» verstanden werden – als Räume, in denen mehrsprachige Lernende ihre sprachlichen Ressourcen frei nutzen und weiterentwickeln können (Silvestri 2023)? Welche Bedeutung kommt solchen Lernumgebungen für das Wohlbefinden mehrsprachiger Kinder zu? Zhou und Liu (2024) etwa argumentieren, dass Programme im Bereich der Herkunftssprachen über die sprachliche Kompetenzförderung hinausgehen würden, und auch positive Emotionen, Zugehörigkeit und Selbstvertrauen stärken können.

Zwischen Aufbruch und strukturellen Grenzen

In den unterschiedlichen Ateliers zeigte sich, wie vielfältig die Initiativen im Bereich migrationsgesellschaftlicher Mehrsprachigkeit inzwischen sind und wie engagiert sich Akteur:innen aus Forschung, Praxis und Bildungspolitik damit befassen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, projektbezogenen Initiativen und strukturellen Veränderungen im Bildungssystem weiterhin eine gewisse Distanz besteht. Viele Aktivitäten bleiben projektförmig organisiert oder parallel zum regulären Unterricht angesiedelt – mit der Folge, dass Herkunftssprachen trotz wachsender Anerkennung häufig weiterhin als Ergänzung und nicht als selbstverständlicher Bestandteil schulischer Bildung erscheinen.

Eine zentrale Herausforderung dürfte daher darin liegen, migrationsgesellschaftliche Mehrsprachigkeit stärker in Ausbildung, Curriculum und Schulorganisation einzubeziehen. Zugleich stellt sich über die Tagungsdiskussion hinaus eine weiterführende Frage: Eine stärkere Präsenz von Herkunftssprachen im Bildungssystem sollte nicht automatisch mit einer unkritischen Aufwertung einhergehen. Gerade wenn ihre Bedeutung sichtbarer wird, bleibt es wichtig, auch zelebratorische oder essentialisierende Tendenzen kritisch zu reflektieren – ähnlich wie dies auch im Umgang mit den traditionellen Schulsprachen zwingend ist.

[Es] bleibt wichtig, auch zelebratorische oder essentialisierende Tendenzen kritisch zu reflektieren – ähnlich wie dies auch im Umgang mit den traditionellen Schulsprachen zwingend ist.

Ob migrationsgesellschaftliche Mehrsprachigkeit künftig tatsächlich als selbstverständlicher Bestandteil schulischer Bildung gilt, wird daher nicht nur von institutionellen Rahmenbedingungen abhängen. Ebenso entscheidend bleibt, ob Raum für differenzierte und kritische Perspektiven besteht – sowohl in der Forschung als auch in bildungspolitischen Debatten. In diesem Sinne führt die Tagung zurück zur Frage des Hauptreferats: Wenn Anerkennung allein nicht genügt – welche Formen der Zusammenarbeit und Reflexion sind notwendig, damit migrationsgesellschaftliche Mehrsprachigkeit im Bildungssystem nachhaltig wirksam werden kann?

Eine Tagung als Teil eines anwendungsorientierten Forschungsprojekts
Von Irène Zingg

Die Impulstagung bot eine nationale Plattform für Austausch, Vernetzung und Diskussion rund um die Rolle der Hochschulen in einer mehrsprachigen Bildungslandschaft. Grundlage bildete Lernen in Migrationssprachen – Die Rolle der Pädagogischen Hochschulen: ein forschungsbasiertes Entwicklungsprojekt (08/2024–01/2026), das in drei Pfeilern verankert war: einer detaillierten Bestandesaufnahme zu Lehrangeboten der Pädagogischen Hochschulen im Bereich migrationsbedingter Mehrsprachigkeit, einer vertieften Evaluation der bisherigen, vom Bundesamt für Kultur (BAK) geförderten Projekte sowie der gezielten Dissemination und Reflexion der gewonnenen Erkenntnisse an der Tagung. So wurden aktuelle Herausforderungen sichtbar gemacht und Impulse für die Weiterentwicklung gesetzt.

Leitung:
Irène Zingg (PHBern) und Maria de Lurdes Santos Gonçalves (Koordinatorin der Herkunftssprache Portugiesisch, Schweiz)
Projektteam:
Olga Alexandre, Tirso Apóstol Zamora, Johannes Gruber, Edina Kazinczi, Markus Truniger sowie der Verein Heimatliche Sprache und Kultur – Lehrerinnen und Lehrer Verein des Kantons Zürich HSK -LVZH 
Wissenschaftliche Begleitgruppe:
Carla Silva-Hardmeyer (IUFE-UNIGE); Daniela Kappler (SUPSI Locarno); Edina Krompák (PH Luzern); Petra Hild (PH Zürich) und Tanja Huchler-Benchaou (PH St. Gallen) 
Drittmittel:
Bundesamt für Kultur und Pädagogische Hochschule Bern

Projekt Lernen in Migrationssprachen – Die Rolle der Pädagogischen Hochschulen auf der Webseite der PH Bern: hier 


Referenzen & Links

De Korne, H., Purkarthofer, J., Obojska, M. (2025). (De)Valuing heritage languages acrosstime and space. In J. Setter, S. Dovchin, and V. A. Ramjattan, (Eds), Oxford Handbook of Language and Prejudice (pp. 24 –258). Oxford University Press.

Silvestri, C. (2025). Complementary schools as ‘breathing spaces’: identity, multilingualism and critical pedagogies in heritage language education. Language and Education, 39(2), 470–488. https://doi.org/10.1080/09500782.2024.2404089

Zhou, Y., & Liu, Y. (2025). Language learner well-being in heritage language learning: conceptualisation, measurement, and a pathway to flourishing. International Journal of Bilingual Education and Bilingualism, 28(2), 237–253. https://doi.org/10.1080/13670050.2024.2419428

Weitere Informationen zur Tagung auf der Webseite der PH Bern

Impulstagung : Fokus Migrationssprachen – Le rôles des hautes écoles pédagogiques svizzere (DE & EN)
Focus sur les langues de la migration – die Rolle der Pädagogischen Hochschulen svizzere (Programm)


Autorin: Martina Zimmermann
Redaktion CeDiLE: Pascale Schaller

Die Bilder wurden mit der freundlichen Genehmigung der Pädagogischen Hoschule Bern (PH Bern) veröffentlicht,.


Entdecken Sie (wieder) den Bericht von Vicenzo Todisco zur Tagung vom Bundesamt für Kultur:

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