In den Schweizer Debatten über den Unterricht der Landessprachen und des Englischen in der Primarschule wird die Formulierung «Studien zeigen, dass …» häufig verwendet, um die eine oder andere Position zu verteidigen.
Aber welche Expertise wird konkret in der Debatte herangezogen und auf welche Weise? Genau das untersuchen Verena Tunger (PH FHNW) und Daniel Elmiger (Université de Genève) in ihrem Forschungsprojekt «Studien zeigen, dass…». Da es immer schwieriger wird, Informationen zu überprüfen und Wahres von Falschem zu unterscheiden, laden uns die Forscher:innen in diesem Interview dazu ein, über den „wissenschaftlichen Diskurs“ zum Sprachenlernen nachzudenken.
CeDiLE: Für eure Studie sammelt ihr Dokumente, die seit dem Jahr 2004 zur „Sprachdebatte” beitragen. Warum gerade dieses Jahr? Welche Diskussionen wurden damals ausgelöst?
Verena Tunger:
2004 ist das Jahr, in dem die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) ein Beschlussdokument mit dem Titel «Sprachenunterricht in der obligatorischen Schule» verabschiedet hat. Ein für Schulen, Lehrpersonen und Schüler:innen schweizweit besonders einschneidender Punkt betraf die Vorverlegung des Fremdsprachenutnerrichts von der Sekundarstufe I auf die Primarstufe: Die erste Fremdsprache sollte künftig spätestens ab dem 5. Schuljahr (ab Kindergarten gezählt, was in der Deutschschweiz der 3. Klasse entspricht) und die zweite spätestens ab dem 7. Schuljahr (bzw. der 5. Klasse) angeboten werden. Mit welcher Sprache begonnen würde – Landessprache oder Englisch –, sollten die Kantone regional festlegen. Diese Neuorganisation wurde 2007 im Art. 4 «Sprachenunterricht» des so genannten HarmoS-Konkordats festgeschrieben, das 2009 in Kraft trat. Damit wurde die Umsetzung der Neuregelung für die Kantone, die dem HarmoS-Konkordat beigetreten sind, verpflichtend.
Wann war die Debatte in den letzten zwanzig Jahren am lebhaftesten?
Verena Tunger:
In den Medien wurde die Diskussion immer dann besonders sichtbar, wenn mit politischen Vorstössen in Kantonsparlamenten und kantonalen Volksintiativen die eben genannte «Reform» wieder rückgängig gemacht werden sollte. Schon während der Vorbereitungsphase des erwähnten EDK-Beschlusses, die medial ebenfalls Aufmerksamkeit erhielt, war einiges los: Beispielsweise wurde im Kanton Zürich bereits 2004 eine Volksinitiative eingereicht, die nur eine Fremdsprache an der Primarschule forderte. Eine regelrechte «Riesenwelle» an Abschaffungs- und Umgestaltungsforderungen schwappte jedoch zwischen 2013 und 2018 über die Deutschschweiz, mit zahlreichen Debatten in Kantonsräten und einer kantonalen Volksinitiative nach der anderen. Sie wurden allesamt abgelehnt. Der neuste grosse Schub kam 2025, als die Resultate der nationalen Grundkompetenzüberprüfung für die Sprachfächer veröffentlicht wurden und sich fast jedes deutschschweizer Kantonsparlament erneut mit politischen Vorstössen zum Thema beschäftigt hat. Dass das Parlament des Kantons Zürich die Motion zur Verlegung des Fremdsprachenunterrichts auf die Sekundarstufe just an dem Tag angenommen hat, an dem unser Forschungsprojekt startete, ist hingegen reiner Zufall!
Was genau wird in den Medien und in der Politik diskutiert?
Verena Tunger:
Die Themen sind über die gesamte Zeit ziemlich gleich geblieben. Sie stehen in der Regel in Zusammenhang mit den Fragen «ab wann, wieviel und wozu schulischer Fremdsprachenunterricht?» Konkreter: In welchem Alter und auf welcher Schulstufe sollen die Schüler:innen die beiden obligatorischen Fremdsprachen lernen? Welche Sprache zuerst (eine Landessprache oder Englisch)? Wie soll der Unterricht gestaltet sein (Intensität, Anzahl Lektionen, didaktische Konzepte, Lehrmittel etc.)? Wie soll mit (fehlender) Motivation umgegangen werden, mit Überforderung von leistungschwächeren Schüler:innen, mit Kindern, die bereits in der Familie mit mehreren Sprachen aufwachsen? Und schliesslich ganz grundsätzlich: Was bringt der Unterricht in den beiden Sprachen? Damit verbunden sind weitere Fragen, z. B. zu den Kompetenzen der Schüler:innen in der lokalen Schulsprache oder zu Motivation und Qualifikation der Lehrpersonen, um nur einige zu nennen.
Laut der Beschreibung eures Projekts untersucht ihr „wissenschaftliche, politische und mediale Texte”. Was genau ist damit gemeint? Welchen Diskurs untersucht ihr und wie?
Verena Tunger:
Der Diskurs zum frühen Fremdsprachenunterricht wird massgeblich von drei Bereichen gefüttert: (Bildungs-)Politik, Medien und Wissenschaft. Es gibt inzwischen unzählige politische Vorstösse, in denen Positionen für oder gegen Aspekte der oben beschriebenen Themen vertreten werden, z. B. für oder gegen den Start in der Primarschule, für oder gegen Englisch/eine zweite Landessprache als Einstiegssprache. Dabei wird häufig auf wissenschaftliche Studien oder Evaluationen verwiesen, die dies oder jenes gezeigt haben. In Zeitungsartikeln wird das Politgeschehen dann zusammengfasst und oft mit Meinungen von Expert:innen angereichert. Daneben gibt es auch reine Meinungsartikel, z. B. von Interessensverbänden wie Lehrpersonenverbände oder von Exponent:innen politischer Parteien usw.
Wir untersuchen, wie in diesem Meinungsdschungel argumentiert wird und vor allem, für welche Argumente welche Belege aufgeführt werden.
Wann wird auf praktische Expertise, wann auf wissenschaftliche verwiesen?
Verena Tunger
Wir möchten aufzeigen, bei welchen Argumenten auf welche wissenschaftlichen Resultate verwiesen wird, ob sich das über die Jahre ändert und inwiefern diese Studien überhaupt geeignet sind, um bildungspolitische Entscheide zu legitimieren. Gleichzeitig schauen wir uns aber auch an, welche weiteren Formen von Expertise zur Stützung von Argumentationen verwendet werden: Erfahrungen von Lehrpersonen, Meinungen von Schüler:innen, Beobachtungen von anderen Expert:innen. Wann wird auf praktische Expertise, wann auf wissenschaftliche verwiesen?
Wie beurteilt ihr die Lage heute?
Daniel Elmiger:
Derzeit greift die Strategie insgesamt noch, da alle Kantone, in denen parlamentarische Vorstösse unternommen wurden, noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen haben. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob es der EDK erneut gelingt, einen Kompromiss zwischen den Kantonen und Sprachregionen zu finden – oder ob die drohende Intervention des Bundes tatsächlich zustande kommt. Diese ist in der Verfassung vorgesehen, wenn sich die Kantone nicht einigen können.
Was die Forschung betrifft, so ist festzustellen, dass zuverlässige und verständliche Ergebnisse erwünscht sind; dies zeigt sich beispielsweise in mehreren parlamentarischen Vorstössen, in denen ein Lagebericht auf der Grundlage von Forschungsergebnissen gefordert wird. Es ist jedoch keineswegs trivial, einen solchen zu erstellen!
Liegt die Schwierigkeit bei der Erstellung eines Forschungsüberblicks in der Vielzahl der zu berücksichtigenden Faktoren: ideales Alter, Anzahl der Unterrichtsstunden, Wahl der Sprache usw.?
Daniel Elmiger:
Nicht nur das. Jede Studie befasst sich mit einem bestimmten Kontext und muss eine Vielzahl von Faktoren ausklammern. Sie beschreibt vielleicht eine bestimmte Situation gut, lässt sich aber nur teilweise auf andere Kontexte übertragen. Die relevantesten Forschungsarbeiten sind daher zweierlei Art: Zum einen gibt es solche, die sich bereits mit dem Sprachunterricht oder dem Sprachenlernen in der Schweiz in einer mit der heutigen vergleichbaren Konfiguration befassen, und andererseits denke ich an Studien, deren Ergebnisse sich am leichtesten verallgemeinern lassen, zum Beispiel solche über den Zusammenhang zwischen Merkmalen der Schüler, wie Sprachlernmotivation und schulischen Leistungen.
Wenn man nur genau hinschaut, findet man für fast jede Position Belege…
Daniel Elmiger
Ausserdem müssen bestimmte Verzerrungen berücksichtigt werden, d. h. Aspekte der Studie, die die Interpretation oder Verallgemeinerung der Ergebnisse erschweren. Nehmen wir zum Beispiel die Verzerrung durch die Teilnahme: Man kann davon ausgehen, dass Lehrkräfte, die sich freiwillig an einer Versuchsphase beteiligen, sich mehr einbringen als solche, die die Sprache normalerweise unterrichten, was sich auf den Lernfortschritt der Schüler:innen auswirken kann. Das relativiert die Ergebnisse.
Wenn man nur genau hinschaut, findet man für fast jede Position Belege… Das Problem ist vielschichtig, aber lass uns einige Gründe nennen. Es gibt eine enorme Menge an Forschungsergebnissen aus sehr unterschiedlichen Bereichen (Linguistik, Erziehungswissenschaften, Psychologie usw.), die es zu kennen gilt. Die Forschung befasst sich nur selten mit so unterschiedlichen Kontexten wie denen, die wir aus der Schweiz kennen, und was gemessen wird, um beispielsweise zu erfahren, welche Ergebnisse im Schulunterricht erzielt werden, entspricht nur teilweise dem, was man in der Schule anstrebt. Wie sich die Schüler:innen mündlich ausdrücken, kommt beispielsweise oft zu kurz.
CeDiLE: Inwiefern kann die Wissenschaft Antworten auf gesellschaftliche/politische Fragen liefern?
Daniel Elmiger:
Wissenschaftliche Forschung liefert Daten, aber diese müssen interpretiert und manchmal an andere Kontexte angepasst werden, die sich von ihrem Ursprung unterscheiden. So ähneln beispielsweise nur wenige europäische Konfigurationen wirklich der Situation in der Schweiz, die ihrerseits vielfältig ist: Hier gibt es so viele Schulsysteme wie Kantone. Und die Schweizer Forschungsergebnisse vom Anfang des Jahrhunderts sind bereits nicht mehr völlig vergleichbar mit den jüngsten Resultaten, da sich das Bildungswesen seit 2004 fast überall verändert hat.
Es handelt sich offensichtlich um ein Thema, das die Schweiz seit vielen Jahren beschäftigt, und man kann beobachten, dass sich immer wieder dieselben Fragen stellen.
Daniel Elmiger
In der politischen und öffentlichen Diskussion kommen weitere Quellen hinzu: persönliche Erfahrungen von Lehrpersonen oder Eltern, Erklärungen von Interessengruppen usw. Diese Quellen sind individueller, doch sie sind auch allgemein zugänglich und viel verständlicher als wissenschaftliche Berichte. Sie haben daher in dieser Diskussion ein gewisses Gewicht. Die Politik muss sie ebenfalls berücksichtigen, auch wenn es sich oft um sehr punktuelle Sichtweisen handelt.
Warum braucht es Forschung zu diesem Thema?
Verena Tunger:
Nach mehr als 20 Jahren «Sprachenstreit» bzw. «Guerre des langues» schien es uns höchste Zeit, die Argumentationslinien in diesem breiten Diskurs etwas zu sortieren: Aus einer beobachtenden Perspektive, die wir hier einnehmen, fällt ja rasch auf, dass immer wieder über die gleichen Themen «gestritten» und häufig auch aneinander vorbei diskutiert wird. Der frühe Fremdsprachenunterricht wird fach- und schulintern debattiert, aber auch in der allgemeinen Schul- und Bildungspolitik, die immer wieder politisch infrage gestellt und über Volksabstimmungen legitimiert bzw. geändert wird. Eine vertiefte Kenntnis dieses Diskurses kann dazu beitragen, diese Prozesse besser zu verstehen und – so hoffen wir – zu versachlichen.
Daniel Elmiger:
Die Datenerhebung ist noch nicht abgeschlossen, aber was uns überrascht, ist die enorme Menge an Dokumenten, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, sowohl journalistische als auch politische und wissenschaftliche: Wir haben bereits mehreren hundert gefunden. Es handelt sich offensichtlich um ein Thema, das die Schweiz seit vielen Jahren beschäftigt, und man kann beobachten, dass sich immer wieder dieselben Fragen stellen. Es konnte bisher keine stabile Konfiguration für den Sprachunterricht gefunden werden, und man kann sich fragen, ob die Erwartungen daran nicht zu unterschiedlich sind, um eine Lösung zu finden, die alle zufriedenstellt.
Verena Tunger:
Wir wollen keine Empfehlungen abgeben, sondern darstellen, welche Rolle der Wissenschaft in der Debatte via Medien und Politik zugewiesen wird und dass die Wissenschaft nur begrenzt zur Debatte beitragen kann. Natürlich kann aus wissenschaftlicher Sicht zu manchen der immer wieder kehrenden Fragen – , z. B. «Sind die Kinder überfordert?», «Ist früher Fremdsprachenunterricht zu früh ?» – einiges gesagt werden. Zu anderen Aspekten der Debatte kann die Wissenschaft jedoch wenig bis nichts beitragen, z. B. zur Frage des Sprachfriedens, also der Idee, dass der nationale Zusammenhalt profitiert oder gefährdet ist, wenn in Deutschschweizer Kantonen (nicht mehr) zwei Fremdsprachen in der Primarschule unterrichtet werden.
Vielen Dank, Verena Tunger und Daniel Elmiger, für diese Einblicken in euer Forschungsprojekt.
Referenzen und Links
EDK (2004): Sprachenunterricht in der obligatorischen Schule: Strategie der EDK und
Arbeitsplan für die Gesamtschweizerische Koordination. Beschluss der Plenarversammlung der EDK vom 25. März 2004. Bern: Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. Download edudoc.ch
EDK (2010): Interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (HarmoS-Konkordat) vom 14. Juni 2007. Download edudoc.ch
„Studien zeigen, dass…“ Autoritäten, Expertise und Evidenz in der Debatte über frühen Fremdsprachenunterricht in der Schweiz
Verena Tunger, Daniel Elmiger
Forschungsprojekt des Wissenschaftliches Kompetenzzentrum für Mehrsprachigkeit (KfM), 2025-2027
(FR & DE)
Über Verena Tunger
Verena Tunger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PH FHNW. Sie hat an verschiedenen Schweizer Hochschulen zu Mehrsprachigkeitsthemen geforscht, die unterschiedliche Schulstufen und fremdsprachendidaktische Ansätze betrafen.
Über Daniel Elmiger
Daniel Elmiger ist assoziierter Professor an der Universität Genf, wo er deutsche Sprachwissenschaft und Didaktik unterrichtet. Er beschäftigt sich in seiner Forschung mit verschiedenen Fragen im Zusammenhang mit der Sprachenpolitik und dem Sprachenunterricht, aber auch mit Fragen der individuellen, gesellschaftlichen und schulischen Zweisprachigkeit. Er ist Autor des Buches Das Kreuz mit dem Schweizer Fremdsprachenunterricht. Wohin mit den Landessprachen? (Seismo-Verlag, 2025).
Interview geführt von Karine Lichtenauer
Redaktion CeDiLE : Philippe Humbert
Entdecken (wieder) Sie das Gespräch mit Jésabel Robin und Martina Zimmermann zu wissenschaftlichen Positionen in der Fremdsprachendidaktik:
