SoMeGas – kurz für Social Media Users, Gamers & Co. – nennt Sara Winzeler (PH Zug & PH FHNW) Schüler und Schülerinnen, die durch ihren Medienkonsum intensiv mit Englisch in Kontakt kommen. Sie hat untersucht, wie sich dieser ausserschulische Kontakt auf die Schreibkompetenz von Primarschüler:innen auswirkt und forscht heute weiter über SoMeGas in einem Projekt der PH Zug. Das CeDiLE hat sie gefragt, was sie dabei herausgefunden hat.
CeDiLE: In deiner Arbeit untersuchst du den ausserschulischen Kontakt von Viertklässler:innen (HarmoS 6. Klasse) mit Englisch und dessen Einfluss auf ihre Schreibkompetenz. Was hat dich auf dieses Thema aufmerksam gemacht?
Sara Winzeler: Englisch ist für viele Kinder längst nicht mehr nur ein Schulfach. Sie begegnen der Sprache täglich – beim Gaming, auf Social Media oder beim Schauen englischsprachiger YouTube-Videos. In der Forschung spricht man in diesem Zusammenhang von «Extramural English» (später: EE) (Sundqvist, 2009), also Englisch ausserhalb der Schulmauern.
Diese frühen Kontakte führen dazu, dass immer mehr Schüler:innen bereits zu Beginn des schulischen Englischunterrichts über beachtliche Englischkenntnisse verfügen, insbesondere im Bereich des Sprechens und des Wortschatzes. Während eines Unterrichtsbesuchs in einer 3. Klasse konnte ich selbst beobachten, wie zwei achtjährige Schülerinnen fliessend und nahezu akzentfrei Englisch miteinander sprachen, obwohl sie zu Hause eine andere Erstsprache sprechen und noch nicht einmal ein Jahr Englischunterricht hatten. Das hat mich tief beeindruckt.
wow wayt no way
a young SoMeGa
Für Englischlehrpersonen auf der Primarstufe bringt diese Entwicklung neue Herausforderungen mit sich: Die Heterogenität im Klassenzimmer nimmt weiter zu. Neben Kindern, die Englisch ausschliesslich im Klassenzimmer hören, sitzen zunehmend sogenannte Social Media Users, Gamers & Co., kurz SoMeGas, wie wir sie an der PH Zug nennen: Lernende mit intensiver ausserschulischen Englischpraxis. Lehrmittel bieten jedoch bislang nur begrenzte Differenzierungsangebote, um diese Schülerinnen und Schüler gezielt auf ihrem Niveau zu fördern.
In einer ersten Studie konnte ich bereits zeigen, dass ein positiver Zusammenhang zwischen der Menge an Extramural English und dem rezeptiven Wortschatzumfang von Viertklässler:innen besteht: Kinder mit viel ausserschulischem Englischkontakt verfügten über einen deutlich grösseren Wortschatz (Winzeler, 2024). Deshalb interessierte mich, ob sich dieser Einfluss auch in der Schreibkompetenz zeigt. Gerade dazu gibt es in der Fachliteratur bislang kaum empirische Untersuchungen.
Um die Schreibkompetenz unabhängig vom Lehrmittel zu erfassen, hast du eine eigene Schreibaufgabe konzipiert – mit besonderem Blick auf den Einfluss von Extramural English (EE). Wie sah diese Aufgabe konkret aus und wie bist du bei der Auswertung vorgegangen?
Entscheidend war eine möglichst offene Aufgabe, die wenig durch das Lehrmittel oder bekannte Unterrichtsformate vorstrukturiert ist. Deshalb habe ich mich für eine sogenannte Cold Write-Aufgabe entschieden – eine Schreibaufgabe, bei der die Schüler:innen ohne Vorbereitung, Hilfsmittel oder inhaltliche Vorgaben innerhalb von 20 Minuten einen Text auf Englisch verfassen. So lässt sich möglichst authentisch erfassen, über welche sprachlichen Mittel sie tatsächlich verfügen. Gleichzeitig sollte die Aufgabe aber auch für Schüler:innen lösbar sein, die nur wenig Extramural English nutzen und sich primär auf das im Unterricht Gelernte stützen.
Als Schreibanlass dienten drei altersgerechte Bildimpulse, die mit Hilfe von KI generiert wurden: eine Szene mit Kindern auf einem Boot in der Natur (Bild 1), eine Klassensituation beim gemeinsamen Mittagessen (Bild 2) sowie eine geheimnisvolle Tür (3) in einem verzauberten Wald. Diese unterschiedlichen Sujets sollten möglichst viele Interessen ansprechen und sowohl beschreibende als auch erzählende Texte ermöglichen. Die Schüler:innen konnten eines der Bilder auswählen und frei dazu schreiben. Zwar erschwert diese Wahlmöglichkeit die direkte Vergleichbarkeit der Texte, gleichzeitig erhöht sie jedoch die Motivation und berücksichtigt die unterschiedlichen Lernstände der Schüler:innen besser.

Die entstandenen Texte wurden anschliessend auf zwei Arten ausgewertet: Zum einen erfolgte eine linguistische Analyse hinsichtlich Textlänge, Wortschatzvielfalt, syntaktischer Komplexität und sprachlicher Korrektheit. Zum anderen wurden die Texte von 41 angehenden Lehrpersonen unabhängig voneinander mithilfe einer von mir entwickelten holistischen Bewertungsskala im Hinblick auf den Einfluss von informellem, mediengeprägtem Englisch beurteilt.
Zur Unterstützung enthielt die Skala typische Beispiele (z. B. Slang, Abkürzungen, umgangssprachlicher Ton) sowie Leitfragen, die den Fokus auf den Gesamteindruck lenkten. Jeder Text wurde von vier Rater:innen auf einer Skala von 1 bis 5 eingeschätzt.
So konnte untersucht werden, inwiefern sich intensiver Kontakt mit Extramural English nicht nur in einzelnen sprachlichen Merkmalen, sondern auch in Form von informellen, mediengeprägten Ausdrucksweisen in der schriftlichen Sprachproduktion der Schüler:innen niederschlägt.
Was hast Du herausgefunden?
Die Analyse der Schüler:innentexte zeigte zunächst eine sehr grosse Spannbreite in der Schreibkompetenz, was die Heterogenität im Englischunterricht einmal mehr bestätigt. Während einige Kinder nur wenige Wörter – oder mehrheitlich auf Deutsch – schrieben, verfassten andere bereits zusammenhängende Texte mit über 250 englischen Wörtern. Auch bei der sprachlichen Korrektheit zeigten sich grosse Unterschiede: Manche Texte waren nahezu fehlerfrei, andere enthielten viele lautgetreue Schreibweisen, bei denen englische Wörter so geschrieben wurden, wie sie auf Deutsch klingen (z.B. hir statt here). Solche Fehler deuten darauf hin, dass sich die Lernenden beim Schreiben stark an ihrer Erst- oder Schulsprache orientieren.
Spannend wurde es beim Zusammenhang mit ausserschulischem Englischkontakt: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein intensiver Umgang mit Englisch ausserhalb der Schule mit bestimmten Aspekten der Schreibkompetenz in Zusammenhang steht. So wiesen Schüler:innen mit viel Extramural English im Durchschnitt längere und syntaktisch komplexere Sätze auf. Dies bedeutet jedoch nicht zwingend, dass sie bereits komplexere Grammatikstrukturen verwenden – vielmehr scheinen sie mehr Ideen miteinander zu verknüpfen und insgesamt längere Sätze zu schreiben.

Ein weiterer Zusammenhang zeigte sich beim Gebrauch von informellen, eher mündlich geprägten Ausdrucksweisen. Lernende mit hoher EE-Nutzung – etwa durch Gaming, Social Media oder Chatten auf Englisch – verwendeten häufiger sprachliche Merkmale wie Abkürzungen (z.B. ty für thank you), Interjektionen (z.B. omg für oh my god) oder umgangssprachliche Wendungen, die im schulischen Englischunterricht in der Regel nicht explizit vermittelt werden. Auffällig ist, dass alle Texte mit den höchsten Werten in diesem Bereich von typischen SoMeGas stammten. Diese Texte zeichnen sich häufig durch eine stark mündlich geprägte, dialogische Schreibweise aus – ähnlich wie man sie aus Chats, Games oder kurzen Social-Media-Videos kennt.
Hier zwei Beispiele:
Text mit «klarem EE Einfluss»
(Score: 4.25 auf einer Skala von 1 bis 5)
At lunch they were seven kids eating one of them said ew! I’don’t like my lunch. Then a girl came and gave him some frenchfries the girl asks do u like it? the boy said yes ty! the girl smild and said np! (…)
Text mit «starkem EE Einfluss»
(Score: 4.75 auf einer Skala von 1 bis 5)
Momlook a door cool waht is in dere Idk maiby money no! what is mom im scerd pls mom ok fine. wow it’s dark do we have lihgt hm yes here thanks wow wayt no way is tad gold and den dey got rich. (…) waht do you wame get out fef the boat (…)
Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass ausserschulischer Englischkontakt nicht nur das Hör- und Leseverstehen oder den Wortschatz beeinflusst, sondern sich bereits auf der Primarstufe auch in der schriftlichen Sprachproduktion niederschlagen kann – insbesondere im Satzbau und im Gebrauch informeller Sprache.
Bestätigen diese Ergebnisse andere Forschungsresultate zum Thema?
Ja, zumindest teilweise. Frühere Studien konnten bereits zeigen, dass ausserschulischer Englischkontakt mit Vorteilen im Hör- und Leseverstehen, im Wortschatz sowie in mündlichen Kompetenzen zusammenhängt. Für Grammatik- und insbesondere Schreibkompetenzen gibt es bislang jedoch deutlich weniger empirische Befunde. Einzelne Studien mit älteren Lernenden deuten zwar darauf hin, dass EE auch mit der schriftlichen Sprachproduktion zusammenhängt – etwa mit längeren Sätzen, einem variableren Wortschatz oder einer höheren sprachlichen Genauigkeit. Gleichzeitig basieren viele dieser Ergebnisse auf Testformaten oder Lückentextaufgaben und nicht auf frei verfassten Texten.
Die Ergebnisse meiner Arbeit liefern nun erste Hinweise darauf, dass sich dieser Zusammenhang bereits auf der Primarstufe auch in der eigenständigen schriftlichen Sprachproduktion zeigt – insbesondere im Satzbau und im Gebrauch informeller Sprache. Damit fügen sich die Resultate insgesamt gut in bisherige Forschung ein, erweitern diese aber um eine produktionsbasierte Perspektive auf frühe Schreibkompetenzen.
Kann man davon ausgehen, dass die meisten Schüler:innen in ihrer Freizeit Englisch ausgesetzt sind?
Grundsätzlich ja, allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmass. Im Rahmen unseres Rektoratsfondsprojekts zu Social Media Users, Gamers & Co. (SoMeGas) an der PH Zug haben wir vor Kurzem über 230 Schüler:innen aus insgesamt vierzehn 3. und 4. Klassen in den Kantonen Zug und Zürich zu ihrem ausserschulischen Kontakt mit Englisch befragt. Dabei zeigt sich, dass es praktisch in allen befragten Klassen SoMeGas gibt – unabhängig davon, ob sich die Schule in einem urbanen oder eher ländlichen Gebiet befindet. Die meisten Schüler:innen der Studie kommen heute auch ausserhalb der Schule regelmässig mit Englisch in Kontakt, etwa durch Games, YouTube, Social Media oder Streaming-Angebote. Englisch ist in vielen digitalen Lebenswelten von Kindern allgegenwärtig, oft ohne dass sie dies bewusst als «Lernen» wahrnehmen.
Während einige Kinder täglich aktiv auf Englisch chatten, spielen oder Inhalte kommentieren, beschränkt sich der Kontakt bei anderen eher auf gelegentliches Musikhören oder das passive Konsumieren von Videos.
Gleichzeitig zeigen die Daten aber auch, dass sich die Intensität und die Art dieses Kontakts stark unterscheiden. Während einige Kinder täglich aktiv auf Englisch chatten, spielen oder Inhalte kommentieren, beschränkt sich der Kontakt bei anderen eher auf gelegentliches Musikhören oder das passive Konsumieren von Videos. Entscheidend ist dabei nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Art der Nutzung: Interaktive und produktive Aktivitäten wie Gaming oder Online-Kommunikation scheinen – gemäss bisherigen Studien (z.B. De Wilde et al., 2019) – mit stärkeren sprachlichen Zusammenhängen einherzugehen als rein rezeptive Formen wie das Hören von Musik.
EE scheint also weit verbreitet zu sein, zumindest in der Deutschschweiz, aber längst nicht bei allen Lernenden gleich ausgeprägt oder gleich wirksam.
Was bedeutet das für den konkreten Englischunterricht?
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass viele Kinder bereits mit unterschiedlichen Vorerfahrungen in den Englischunterricht der 3. Klasse (Harmos 5. Kl.) kommen. Diese ausserschulisch erworbenen Kenntnisse sind jedoch sehr heterogen und spiegeln sich nicht immer in den schulisch erwarteten Kompetenzen wider.
Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, den Unterricht stärker am tatsächlichen Sprachstand der Lernenden auszurichten. Diagnostische Zugänge – etwa Beobachtungen, Portfolios oder niederschwellige Schreibaufgaben wie ein Cold Write – können dabei helfen, vorhandene Ressourcen sichtbar zu machen und mögliche Unterschiede zwischen schulisch geprägtem Englisch und informellen, medial geprägten Sprachformen besser zu verstehen.

Gerade im Bereich Schreiben bietet es sich an, diese Unterschiede gezielt aufzugreifen. Informelle Ausdrucksweisen, wie sie viele Kinder aus Games, Chats oder Social Media kennen, können im Unterricht thematisiert und um formellere Alternativen ergänzt werden. Gleichzeitig bleibt die gezielte Förderung grundlegender Schreibstrategien, wie das Planen, Strukturieren und Überarbeiten von Texten, zentral.
Angesichts der grossen Leistungsunterschiede innerhalb einer Klasse braucht es zudem mehr offene und differenzierende Aufgabenformate in den Lehrmitteln, die es allen Lernenden ermöglichen, auf ihrem Niveau zu arbeiten. Lebensweltnahe Schreibanlässe, etwa auf Basis kurzer Videos oder Geschichten, können hier motivierende Zugänge schaffen und helfen, schulisches Lernen stärker mit den ausserunterrichtlichen Spracherfahrungen der Kinder zu verknüpfen.
Gleichzeitig zeigt sich, dass es – insbesondere im hiesigen Kontext – noch mehr Forschung braucht, um besser zu verstehen, wie Kinder Englisch ausserhalb der Schule nutzen und welche Erwartungen sie an den Englischunterricht haben. Im Rahmen unseres aktuellen Rektoratsfondsprojekts an der PH Zug identifizieren wir deshalb gezielt sogenannte SoMeGas und befragen sie zu ihren Erfahrungen und Erwartungen im Englischunterricht. Ergänzend dazu werden auch die Perspektiven von Lehrpersonen einbezogen, um ein differenzierteres Bild dieses Phänomens zu gewinnen.
Danke vielmals, Sara Winzeler, für den spannenden Einblick in deine Forschungsergebnisse und in das Projekt SoMeGas der PH Zug.
Referenzen und Links
De Wilde, V., Brysbaert, M., & Eyckmans, J. (2019). Learning English through out-of-school exposure. Which levels of language proficiency are attained and which types of input are important? Bilingualism: Language and Cognition, 23(1), 171‑185. https://doi.org/10.1017/S1366728918001062
Sundqvist, P. (2009). Extramural English Matters. Karlstad University.
Winzeler, S. (2024). Exploring Extramural English: Media Engagement and Vocabulary Learning among Young L2 Learners of English in German-Speaking Switzerland. [Unveröffentlichte Seminararbeit]. Universität Fribourg.
Winzeler, S. (2025). Entre écrans et stylos : les pratiques extrascolaires en anglais et leur impact sur la production écrite des jeunes apprenants suisses d’anglais langue étrangère. [Masterarbeit, Université de Fribourg]
SoMeGa – Social Media Users, Gamers & Co
Sara Winzeler
Rektoratsfondsprojekt der Pädagogischen Hochschule Zug (PH Zug), Mai 2025 – Juli 2026.
- Beschreibung: hier
- Erklärvideo «What are SoMeGas? – SoMeGas im Englischunterricht»: hier
Über Sara Winzeler
Sara Winzeler ist Dozentin und Mentorin für Fremdsprachendidaktik (Englisch und Französisch) an der Pädagogischen Hochschule Zug und der Pädagogischen Hochschule FHNW. Von 2015 bis 2022 unterrichtete sie als Klassenlehrerin Englisch und Französisch auf der Primarstufe.

Propos recueillis par Karine Lichtenauer
Redaktion CeDiLE : Nora Kündig
Das Titelbild und Bild 3 wurden generiert.
Bild 1 und Bild 2 wurden 2024 mit KI für die Studie generiert.
Entdecken Sie (wieder) den Podcast mit Franbce Rousset über DiCoi:
